Kategorie Verkehr - 6. März 2020

Unfallprävention: Wo der Schutzweg wirklich schützt

AIT-Verkehrssicherheitsforschung mit Prävention zur Reduzierung der Unfallzahlen

410 Menschen sind im Jahr 2019 auf Österreichs Straßen tödlich verunglückt. Damit ist die Opferzahl nahezu gleich wie im Jahr 2018, als mit 409 Verkehrstoten die bisher niedrigste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950 verzeichnet worden ist.

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Trotz dieser Zahlen auf historisch niedrigem Nievau, hat Österreich sich damit wieder etwas von seinen Verkehrssicherheitszielen entfernt. Demnach sollte im Jahr 2020 die Zahl der Verkehrstoten auf unter 311 sinken. Besonders besorgniserregend: Die Zahl der Kinder, die bei Verkehrsunfällen getötet wurden, ist von drei im Jahr 2018 auf 16 im Vorjahr gestiegen. Im Jahr 2017 waren acht Todesopfer zu beklagen, im Jahr 2016 sieben. Auch die Zahl der tödlichen Fußgängerunfälle ist gestiegen, von 47 auf 68.

Das Österreichische Verkehrssicherheitsprogramm 2011 bis 2020 sieht vor, die Zahl der Opfer auf maximal 311 im Jahr 2020 zu reduzieren. Die ersten vom BMI veröffentlichten Zahlen des Jahres 2020 zeigen im Jahresvergleich allerdings einen Anstieg der Getöteten – es besteht also dringender Handlungsbedarf, diesen Negativtrend aufzuhalten.

Forschung im Dienste der Verkehrssicherheit

Dazu wird am AIT Center for Mobility Systems an der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur geforscht, um die Sicherheit auf Österreichs Straßen zu erhöhen. So werden neue Analyse- und Simulationstools entwickelt, die in der Lage sind, Daten zum Zustand der Straßen sowie Trassierungsparameter mit Unfalldaten zu kombinieren, um eine zuverlässige Risikobewertung für bestehende und geplante Straßen zu erstellen.

© AIT

Die so generierten Mess- und Videodaten sowie Risikomodelle bilden die Grundlage für Verkehrssicherheitsanalysen von bisher beispielloser Genauigkeit. Mit diesen Daten werden Straßen virtuell und realistisch modelliert, sodass komplexe Beziehungen zwischen Straße und Fahrzeug simuliert und untersucht werden können.

Schutzwege sicherer machen

Eigentlich genießen Fußgehende auf ungeregelten Querungen gegenüber dem Fließverkehr einen erhöhten Schutz. Inwieweit dieser jedoch tatsächlich gegeben ist, hängt ganz wesentlich von der Straßeninfrastruktur ab – so kann ein Schutzweg unter Umständen selbst zum Sicherheitsrisiko werden. Die vom AIT entwickelte Mobility Observation Box soll solche Risiko-Situationen entschärfen und mittels intelligenter, automatisierter Verkehrskonfliktanalysen gezielte Verbesserungsmaßnahmen im Straßenverkehr schaffen. Und zwar direkt vor Ort, um dort ansetzen zu können, wo das Risiko für Fußgehende am höchsten ist.

Die Mobility Observation Box des © AIT

Doch auch bei der Neuplanung von Schutzwegen kann die Box zum Einsatz kommen: Durch das Datensammeln im Vorfeld kann ermittelt werden, wo ein Zebrastreifen aufgrund aktueller Fußgängerquerungen zielführend und optimal zu positionieren ist. Ein wichtiger Beitrag zur Unfallprävention besonders für Städte und Kommunen, denen über das AIT ein Tool zur Verfügung steht, das tatsächlich helfen kann, Unfälle am Zebrastreifen zu verhindern und somit Menschenleben zu retten. So kann die Mobility Observation Box wesentlich dazu beitragen, ungeregelte Straßenquerungen wirklich zu Schutzwegen zu machen.

Peter Saleh, Verkehrssicherheitsexperte am AIT Center for Mobility Systems: „Unser Anspruch ist es, Sicherheit objektiv messbar zu machen. Wir verfolgen einen präventiven Ansatz und wollen somit einen entscheidenden Beitrag leisten, Unfälle zu verhindern. Unser Ziel ist es, den Straßenerhaltern punktgenau jene Informationen zu liefern, die sie benötigen, um effizient, kostengünstig und nachhaltig Gefahrenstellen zu entschärfen.“

Evaluierung von Motorradsicherheit

Für die Motorradsicherheit hat das AIT im Projekt MoProVe ein spezielles Zweirad entwickelt, um Ursachen für Motorradunfälle und die Interaktion Fahrbahn/Motorrad besser zu verstehen.

Mithilfe eines datensammelnden Hightech-Motorrades analysieren Forscher des AIT Austrian Institute of Technology und der Technischen Universität (TU) Wien die Gefährlichkeit beliebter heimischer Motorradstrecken. Das Forschungsprojekt soll Straßenerhaltern dabei helfen, Gefahrenstellen zu identifizieren und zu entschärfen. Die straßenzugelassene KTM 1290 Super Adventure wurde unter anderem mit einem Kamerasystem, Lenkwinkelsensoren, Beschleunigungsmesser, ein CAN-Bus-Lesegerät sowie ein dGPS-Ortungssystem ausgestattet.

Mit dieser Technik steht es für verkehrssicherheitstechnische Prüfungen von Motorradstrecken zur Verfügung. Es ermöglicht eine Fahrdynamik-Analyse basierend auf dem jeweiligen Fahrverhalten und der Interaktion mit der Straßeninfrastruktur. Die Ergebnisse zeigen Straßenabschnitte, die besonders für Motorradfahrer riskant sind. Außerdem können die so gewonnenen Erkenntnisse mit jenen Daten abglichen werden, die mittels Mess-PKW (AIT RoadLab) oder Mess-LKW (AIT RoadSTAR) erfasst werden und liefern somit einen entscheidenden Beitrag zur Hebung der Verkehrssicherheit. Das Ziel besteht darin, Unfälle zu verhindern, bevor es dazu kommt . Die Evaluierung des Risikopotentials spielt eine entscheidende Rolle bei der Ermittlung von effektiven Präventivmaßnahmen.

Das AIT verfügt damit über eine in Europa einzigartige Messfahrzeugflotte, die solche Fahrdynamik- und Infrastrukturmessungen ermöglicht. Diese rollenden Labore – mit Sensoren voll ausgestattete Messfahrzeuge wie Lkw, Pkw und Motorrad – sind sowohl für Messungen einzelner Abschnitte als auch für die Risikobewertung ganzer Streckennetze zuverlässig im Einsatz.

Die vom AIT-Verkehrssicherheitsteam entwickelten Tools und gewonnenen Daten stehen auch den Straßenerhaltern zur Verfügung – beispielsweise, um die Sicherheit von Fußgehenden zu erhöhen oder das Unfallrisiko beim Motorradfahren zu reduzieren.

INFObox: Das AIT Austrian Institute of Technology ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung. Es ist unter den europäischen Forschungseinrichtungen der Spezialist für die zentralen Infrastrukturthemen der Zukunft, insbesondere auch für Cyber Security. Das BMVIT hält als größter Eigner 50,5 Prozent des AIT, die andere knappe Hälfte halten ein Konsortium aus Firmen der Industrie, Energieversorger, Banken und Versicherungen sowie Interessenvertretungen.