Kategorie Verkehr - 28. April 2017

Die Lenker vor dem Bahnübergang wachrütteln

Manchmal muss Günther Dinhobl den Kopf schütteln. Der Physiker befasst sich in seiner Arbeit in der Forschungsabteilung der ÖBB Infrastruktur quasi mit Leben und Tod. Er versteht nicht, warum Menschen die mehrfachen Warnhinweise vor Eisenbahnkreuzungen übersehen. Jedes Jahr verunglücken, trotz sinkender Unfallzahlen, zehn bis 20 Menschen. Dabei sind Bahnübergänge besser gekennzeichnet als die meisten Gefahrenstelle im Straßenverkehr: nämlich zumindest mit drei Schildern (Baken) vor und dem Andreaskreuz direkt an der Kreuzung.

„Mehr als 95 Prozent aller Unfälle an Bahnübergängen werden durch Fehlverhalten der Straßenbenützer verursacht“, sagt Eva Aigner-Breuss vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. Die Psychologin leitete das vom Verkehrsministerium und der ÖBB Infrastruktur geförderte Forschungsprojekt „Maneuver“. Darin legten die Wissenschaftler bereits 2013 einen Überblick über das Fehlverhalten an Eisenbahnkreuzungen vor und skizzierten die Ursachen, abhängig von der Art der Sicherung.

Die Gewohnheit wird zur Falle

Die meisten Unfälle ereignen sich an nicht technisch gesicherten Übergängen – und meist passieren sie Menschen, die aus dem direkten Umfeld kommen. „70 Prozent der Unfallopfer wohnen weniger als zehn Kilometer entfernt“, berichtet Dinhobl. Für sie wird die Gewohnheit zur Falle. „Die Ortsansässigen kennen die Fahrpläne und rechnen zu bestimmten Zeiten gar nicht mit einem Zug“, sagt auch Psychologin Aigner-Breuss. „Sie schauen nicht so genau, verringern das Tempo nicht.“ Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 183 Stundenkilometern überquerte jedenfalls der schnellste Fahrer in einem Folgeprojekt die Geleise. Denn „Maneuver“ lieferte die Basis für weitere Forschungen. Etwa die Überprüfung, was bauliche Maßnahmen wie Rüttelstreifen vor dem Bahnübergang bringen. Zwei niederösterreichischen Gemeinden dienten als Versuchsorte für das kürzlich abgeschlossene Projekt „Rüttlex“.

In Raggendorf wurden vor – nur mit einer Stopptafel gesicherten – und in Göllersdorf vor – mit einem Halbschranken gesicherten – Bahnübergängen erhöhte Markierungen auf die Fahrbahn aufgebracht. Eine Woche lang wurde die Geschwindigkeit der Autos und der durch die Erhebungen entstehende Lärm automatisch gemessen. Zusätzlich beobachteten die Forscher die Autofahrer und befragten sie zu ihrer Bereitschaft, vor dem Bahnübergang anzuhalten und nach einem Zug Ausschau zu halten.

Der Papagei an der Bahntrasse

Überprüft wurde die Aufmerksamkeit mit dem sogenannten Papageien-Versuch: Die Forscher befestigten einen Plüschvogel an einem Holzgestell in der Blickrichtung der Geleise. Nach deren Überqueren befragten sie die Autofahrer, ob ihnen etwas Außergewöhnliches aufgefallen ist. Ein einfacher, aber aussagekräftiger Trick: „Denn wer verneinte, hätte wohl auch nicht auf den Zugverkehr geachtet“, sagt Dinhobl. Das Ergebnis: Vor allem die Anrainer nahmen das „Wachrütteln“ dankbar an. Allerdings nur vor dem nicht technisch gesicherten Bahnübergang; vor der mit Halbschranken gesicherten Kreuzung empfand man sie als unnötig.

Manche der Befragten ließen sich auch von der Größe eines Zugs täuschen: Große Fahrzeuge werden nämlich als langsamer wahrgenommen als kleinere, dadurch die Distanz falsch eingeschätzt. „Wenn man den Zug schon sieht, sollte man auf jeden Fall stehen bleiben“, sagt Aigner-Breuss.

So wie die Wirksamkeit der Rüttelstreifen soll auch die weiterer Maßnahmen wie Bodenschwellen überprüft werden, und zwar vermehrt automatisch. Bis 2018 wollen die Forscher im Projekt „Sesam“ neue Messmethoden entwickeln. Wärmebildkameras sollen u. a. Position und Geschwindigkeit der Autos erfassen; eine zusätzliche Kamera die Kopfbewegungen des Fahrers – und damit auch, worauf seine Aufmerksamkeit gerichtet ist.

Wer kennt die Regeln?

Aber nicht nur die Technik soll helfen, Unfälle zu vermeiden. Die Forscher untersuchen derzeit, wie in den Resultaten des Überblicksprojekts „Maneuver“ ebenfalls nahegelegt, die Regelkenntnisse von Führerscheinbesitzern. Wie verhält man sich, wenn die Bahnschranken nur halb geöffnet sind? Wie, wenn ein Zug in Sichtweite auf den Gleisen stehen bleibt?

Die Ergebnisse sollen in die Ausbildung in den Fahrschulen einfließen. Die Online-Erhebung läuft noch bis Jahresende. Teilnehmen kann jeder unter www.ek-studie.at, abschließend erfährt man, wie man abgeschnitten hat. Physiker Dinhobl beantwortete übrigens 77 der insgesamt 83 Fragen richtig. (Von Alice Grancy, Die Presse)