Kategorie Innovation & Technologie - 26. August 2015

Enorme Bürgerbeteiligung an Forschungsprojekt Aspern


APA/APA/OTS/schreinerkastler

Das Forschungsprogramm im Wiener Stadtentwicklungsgebiet Aspern, mit dem das Thema Energieeffizienz anhand realer Gebäude beleuchtet werden soll, ist voll angelaufen: Die Bewohner sind eingezogen, die Datenerfassung beginnt im Oktober. Vergleichsdaten soll es in einem Jahr geben, sagte Reinhard Brehmer, Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft Aspern Smart City Research (ASCR).

Anhand bestimmter Gebäude wird in der „Seestadt Aspern“ untersucht, wie eine „Smart City“ funktioniert. Im Fokus stehen die Bereiche Energienutzung sowie CO2-Emissionen und deren Einsparungsmöglichkeiten. Die Initiative wird vom Klima- und Energiefonds mit 3,7 Millionen Euro gefördert. Projektpartner sind unter anderem Siemens, Wien Energie und das Austrian Institute of Technology (AIT). Bis 2018 werden rund 40 Millionen Euro investiert.

Überrascht habe, dass sich über 50 Prozent der Bewohner des im Testgebiet liegenden Wohnhauses an den Energieeffizienzprogrammen beteiligen wollen. Internationaler Schnitt seien zehn bis 15 Prozent. „Das bringt uns fast in Schwierigkeiten, weil es nachträgliche Installationen in bewohnten Wohnungen bedingen würde“, so Brehmer gegenüber APA-Science. Wichtiger als einzelne Wohnungen seien aber Gebäude wie Schulen oder Studentenheime, wo man in Verbindung mit Wetterprognosen vorheizen oder -kühlen beziehungsweise Energie zwischenspeichern kann, um sie dann vielleicht zu verkaufen.

„Diese Dinge sind auch in der gewachsenen Stadt möglich und werden auch kommen“, erklärte Brehmer. Allerdings sei es hier wesentlich schwieriger, wenn beispielsweise in einem bestehenden Haus die Zustimmung aller Bewohner notwendig ist, um es zu isolieren und eigenzuversorgen. Auch Anfangskosten, die sich erst in 20 Jahren amortisieren, könnten bei Jungfamilien oder älteren Personen auf Ablehnung stoßen.

Keine Sandkastenspiele

Dass Modellregionen bzw. -projekte generell nur Sandkastenspiele sind und sich etwaige Erkenntnisse vor allem auf Neubauten auf der grünen Wiese beziehen, weist der Manager zurück. Die Kosten-/Nutzenergebnisse von Photovoltaik oder Solarthermie am Dach bis zu den verschiedensten Wärmepumpen – etwa Sole als Zwischenspeicher – seien allgemein gültig. Und auch die grundsätzlichen Erfahrungen, unter welchen Bedingungen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in Sachen Effizienz und Lastverschiebung mitmachen, würden für Alt- und Neubau gelten.

Die Planungsdirektion Wien dränge jedenfalls sehr, dass es bald zu Zwischenergebnissen komme, um hier Einfluss zu nehmen, durchaus auch in Erneuerungsgebieten. „Da will man halt wissen, wo das beste Kosten-/Nutzenverhältnis ist“, sagte Brehmer. In Aspern würden zwar keine neuen Technologien eingesetzt, „das sind alles Dinge, die bereits am Markt sind“, aber die Kombination der Technologien, die Größenordnung, die Beteiligung und die umfassende Datenerfassung seien schon etwas Besonderes. „Wir sehen das ja auch am großen internationalen Interesse. Wir werden dauernd gebeten bei europäischen Förderprojekten mitzumachen, in einem Ausmaß, das unsere Kapazitäten derzeit übersteigt“, zeigte sich der Experte stolz.

Sozialwissenschaftliche Begleitung

Erste Vergleichsdaten aus der Seestadt soll es in einem Jahr geben, darauf aufbauend Vorschläge und Maßnahmen für die Nutzer. Ein weiteres Jahr später werde überprüft, was unter welchen Bedingungen angenommen wurde. „Wir haben auch eine sozialwissenschaftliche Begleitung bis 2018. Das heißt, dass die Bewohner nicht das Home-Automation-System erklärt bekommen und tschüss, sondern es gibt einen umfangreichen Fragebogen zum Beginn und dann eine dreijährige Betreuung“, erklärte Brehmer. Auch diese Ergebnisse würden sowohl für neue als auch energietechnisch erneuerte Häuser gelten.

„Wenn Maßnahmen zur Energieeffizienz wirksam werden sollen, muss ich auch beim Bestand etwas tun. Denn 70 Prozent der Gebäude, die im Jahr 2050 in Städten stehen, gibt es heute schon“, so Brehmer.

Von Stefan Thaler/APA-Science

Service: Diese Meldung ist Teil eines Dossiers von APA-Science zum Thema Energiewende, das unter http://science.apa.at/dossier/energiewende zu finden ist.