Kategorie Informationen & Tipps - 25. März 2019

Grün statt grau: Wie lebendige Fassaden wachsen

Fassadenbegrünung ist nicht erst seit letztem Sommer ein heißes Thema in den Städten. Eine hohe Wärmekapazität der Bausubstanz, ein geringerer Luftaustausch, wenig Verdunstung: Das ohnehin komplizierten Stadtklima wird durch den Klimawandel vor noch größere Herausforderungen gestellt. Hinzu kommt die Wärmefreisetzung aus Verkehr, Industrie, Gewerbe. Sogenannte Hitzeinseln entstehen und bergen erheblichen Risiken für die Anrainer. Besonders ältere und in der Mobilität eingeschränkte Menschen leiden dann zunehmend.

Extreme Wetterereignisse haben besonders im urbanen Raum große Auswirkungen, da zum einen sehr viele Menschen und zum anderen eine komplexe und überwiegend versiegelte Infrastruktur betroffen sind. Wie ist es also möglich, Städtebau und Infrastruktur an diese Bedingungen anzupassen und gibt es bereits Konzepte, um auf das veränderte Stadtklima und sogenannte Hitzeinseln reagieren zu können?

50 grüne Häuser

Bauwerksbegrünungen gehören zu den Lösungsansätzen mit folgenden Vorteilen: Sie verbessern die Luftqualität, kühlen in heißen Sommern durch Verdunstung und sorgen für ein naturnahes, gesünderes Umfeld in der Stadt. Um mehr dieser Grünflächen zu realisieren hat das Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) im Rahmen des Programms Stadt der Zukunft das Projekt 50 Grüne Häuser lanciert, welches in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG nun für Bewerbungen offen steht.

 

Vorläufiges Zielgebiet Wien 10.

Für das Projekt 50 Grüne Häuser kommt mit BeRTA ein eigens entwickeltes Grünfassaden-Modul zum Einsatz. BeRTA steht dabei für Begrünung, Rankhilfe, Trog – All-in-One. Mittels Baukastensystemen, die jeweils aus einem Pflanzengefäß mit 300 Litern Fassungsvermögen, einer Rankhilfe (Stahlseile), dem benötigten Substrat und zwei Kletterpflanzen bestehe. Ein modularer Aufbau, bei dem die Komponenten aufeinander abgestimmt sind, angepasst und individuell erweitert werden können.

Für die Vergabe der ersten 50 BeRTA-Module wurde das Zielgebiet Innerfavoriten ausgewählt, da es dort besonders viele der urbane Hitzeinseln gibt. Das Kerngebiet wird begrenzt von Gudrunstraße, Wielandgasse, Laaer-Berg-Straße, Absberggasse, Ferdinand-Löwe-Straße und Südosttangente. Trotzdem können auch Interessierte außerhalb des Zielgebiets sich bereits jetzt online registrieren und die Einreichung durchführen. Im Falle der Projektausweitung, werden auch sämtliche Einreichungen außerhalb von Innerfavoriten berücksichtigt. Die aktuelle Online-Bewerbung auf 50gh.at für die ersten 50 Module läuft zumindest bis 31. Mai 2019.

Grüne Fassaden sind neben Gründächern und städtischen Grünanlagen eine Variante, die Auswirkungen des Klimawandels und die Wüstentage (über 35 Grad) im urbanen Raum erträglicher zu machen. Computerprogramme simulieren, was solche Maßnahmen bringen: Laut einer in der Urban-Heat-Island-Strategie der Stadt Wien veröffentlichten Studie ist die gefühlte Temperatur bis zu 14 Grad kühler, wenn alle Straßenfassaden (ohne Innenhöfe) begrünt werden.

Ein interdisziplinäres Team aus tatwort Nachhaltige Projekte GmbH, der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien, dem Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau (IBLB), der Umweltberatung, GRÜNSTATTGRAU Forschungs- und Innovations- GmbH, erprobt dieses Modul nun gemeinsam mit der Stadt Wien (MA22) in einen Testbetrieb.

Wie man zur Förderung einer grünen Fassade kommt, läßt sich in drei Schritten erklären:

  1. Basis-Daten: Tragen Sie im ersten Schritt die Basis-Daten zu Ihrem Gebäude ein! MieterInnen, EigentümerInnen oder Hausverwaltungen können die Einreichung starten. Für den ersten Schritt ist keine Vorbereitung erforderlich.
  2. Quick-Check & Pflege: Ergänzen Sie im Online-Formular weitere Infos zu dem Gebäude, wie z.B. den Zustand der Fassade oder die Breite des Gehsteigs. Legen Sie vertraglich fest, wer die Pflege übernimmt. Zur Vorbereitung dieses Schrittes gibt es eine Ausfüllhilfe zum Download.
  3. Zustimmung von mehr als 50 Prozent der EigentümerInnen: Um die Einreichung abzuschließen, ist es im finalen Schritt notwendig, dass ein EigentümerIn oder die Hausverwaltung die Zustimmung von mehr als 50 rozent der Eigentümer-Anteile einholt.

Bauwerksbegrünungen können nachgewiesenermaßen einen signifikanten Beitrag zur Klimawandelanpassung in den Städten leisten. Mit gezielten Maßnahmen, wie Begrünung, reflektierende Dachfarben, geeigneter Art der Bebauung und Wasserflächen kann der extremen Hitzebelastung in den Städten etwas Abhilfe verschafft werden.

Vera Enzi, des vom BMVIT geförderten Innovationslabor Bauwerksbegrünung Grünstattgrau, erklärt den simplen Effekt: „Die Pflanze betreibt mit der Sonnenenergie Photosynthese, gibt dabei Feuchtigkeit ab und kühlt sich und ihre Umgebung, während sie auch noch das Haus beschattet.“ Damit reagiert sie ganz anders als die nackte Fassade, die die Strahlung nicht nur aufnimmt, sondern auch reflektiert und damit die Energie auch noch an die Straße weitergibt.

Einreichfrist für die ersten 50 grünen Häuser endet am 23. Juni!

Die Anmeldung für die ersten 50 Module im Zielgebiet Innerfavoriten ist unter www.50gh.at möglich, die Einreich-Frist geht bis 23. Juni. Die 50 ersten Prototypen werden gratis zur Verfügung gestellt und wurden so konzipiert, dass sie wenig Betreuung benötigen. Der brandneue Prototyp kann ab sofort in der Buchengasse 77 im 10. Bezirk betrachtet werden. Als Projektbeteiligte setzt die Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22) damit einen innovativen Anreiz für ein breites Roll-Out von straßenseitiger Fassadenbegrünung.

Historische Bedeutung der Begrünung von Gebäuden

Die historische Entwicklung der gezielten Begrünung liefert viele Beispiele für den Einsatz von Grün an und in Bauwerken. Diese sind regional sehr unterschiedlich und in vielen Fällen nur bedingt mit den heutigen Anwendungen vergleichbar.

Bekannte Beispiele für historische Dachbegrünungen reichen von nordeuropäischen Grasdächern bis zu überwachsenen Wein- und Bierkellern in Bayern und Österreich. Auch Fassadenbegrünungen dürften eine sehr lange Tradition als Wetterschutz haben – ob gewollt gepflanzt oder zufällig gewachsen, sei dahingestellt. In Mitteleuropa gibt es zumindest seit dem Mittelalter Erkenntnisse darüber, Fassadenbegrünung populär zu machen.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden das wachsende Angebot geeigneter [Kletter]Pflanzen, teils durch Importe aus anderen Kontinenten, durch den Einfluss von Geistesströmungen wie der Romantik, den Wirkungen der modernen Landschafts- und Gartenarchitektur sowie neuerer Architekturbestrebungen von der Gartenstadtbewegung bis Hundertwasser, zu Faktoren, die nun auch wieder von der Stadtplanung aufgegriffen werden. So ist die Bauwerksbegrünung inzwischen ein anerkanntes Mittel nicht nur zur Aufwertung sowohl einzelner Gebäude als auch von Baugebieten, sondern gilt als wichtiger Baustein für das ökologische Bauen mit den oben genannten Verbesserungen für das Stadtklima.

Dschungel im Container

Wie sinnvolle Begrünung funktioniert, können Passanten auch in einem Showcontainer namens MUGLI derzeit im Wiener Bezirk Favoriten bestaunen. Das vom Innovationslabor Bauwerksbegrünung just im Rekordsommer 2018 präsentierte Projekt zeigt, welche Arten von Begrünung möglich sind, und sammelt Messdaten. MUGLI wird in einer Art Tournee an verschiedenen Orten österreichweit zu begehen sein.

Urbane Vorzeigeprojekte

Den Kühleffekt bedenken auch gemeinnützige Bauträger: „Wir kämpfen mit den hohen Baukosten, versuchen aber bei der Begrünung das Maximum herauszuholen“, so Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba, die beim Vorzeigeprojekt Biotope City vier Bauplätze bebaut. Es müsse nicht immer fassadengebundene Begrünung mit aufwendigen Systemen sein, beim Harry-Glück-Haus in der Sagedergasse lasse man kostengünstig Veitschi und Efeu ranken.

Welche Artenvielfalt auf Fassaden möglich ist, zeigen Häuser der Stadt: die MA 48, das Bezirksamt Margareten oder die MA 31. An der Fassade von Wiener Wasser wachsen auf 990 m² sechs verschiedene Winden und acht Stauden- und Gräserarten. BOKU und TU überwachen Vegetation, Wärmeströme, Oberflächentemperatur, Wind und Wasserverbrauch.

 

Grüne Schule

Auch auf dem Dach und an der Fassade einer Wiener Schule im 7. Bezirk wurde das passende Versuchsobjekt gefunden. Die TU Wien untersucht hier unterschiedliche Gebäudebegrünungssysteme und verschiedenste Pflanzenarten, die mit Photovoltaikmodulen kombiniert werden. Besonders positiv: Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerende und auch Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner sind ins Projekt eingebunden.

Die Schülerinnen und Schüler suchen zum Beispiel nach den am besten geeigneten Pflanzen, werten Messdaten aus oder erfassen die Energiegewinne aus Photovoltaik.Um die Lebensqualität dort zu erhalten braucht man multifunktionale Systemlösungen. Wie zum Beispiel jene von TU-Professorin Azra Korjenic. Gemeinsam mit dem Realgymnasium Kandlgasse setzt sie derzeit das Projekt „GrünPlusSchule@Ballungszentrum“ um: die Fassade, das Dach und Innenräume der Schule werden begrünt und teilweise mit Photovoltaikanlagen ausgestattet.

Fertige Toolkits Fixfertige Lösungen sollen Fassadenbegrünung laut der MA 22 demnächst noch schmackhafter machen: In dem von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG geförderten Projekt 50 grüne Häuser werden ab Herbst Tröge mit Kletterpflanzen und Rankhilfen zu Toolkits geschnürt – gestützt von einem digitalen Beantragungsprozess, der Verwaltung, Eigentümer und Bewohner einbindet. In den nächsten Jahren sollen so 20 Prozent der Potenzialflächen im Bestand von Innerfavoriten grün werden.

Forschungen beschäftigen sich mit der einfacheren Pflege des Grüns, auch für Private. Rosemarie Stangl vom Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau an der BOKU entkräftet die Sorgen mancher: „Der Aufwand des Zurückschneidens und Laubwegräumens ist in etwa vergleichbar mit der Pflege einer Glasfassade.“ Die Kosten bewegten sich jährlich zwischen fünf und 70 Euro, je nach Begrünungssystem.

Potenzialerfassung Welches Potenzial Wien an Flächen für Fassaden- und Dachbegrünung hat, ermittelt ein Sondierungsprojekt des BOKU-Instituts. Allein im Pilotgebiet Neulerchenfelder Straße (Gürtel bis Johann-Nepomuk-Berger-Platz) konnten fünf Hektar an Fassadenpotenzialfläche errechnet werden. „Dabei helfen uns Open-Source-Datenbanken der Stadt Wien und Google Maps, da die Zugänglichkeit vor Ort oft nicht gegeben ist“, so Stangl. Damit seien genauere Schätzungen möglich als mit dem Gründachpotenzialkataster.

GREEN.RESILIENT.CITY

Ein Projekt gegen den Hitzestau der Stadt ist GREEN.RESILIENT.CITY – grüne und resiliente Stadt. Dessen Ziel ist es, Instrumente zu entwickeln, mit denen die Steuerung, Optimierung und Evaluierung einer klimasensiblen Planung von Stadtteilen und Städten möglich ist. Ein Schwerpunkt ist dabei die Verminderung von Hitzestress. Hitzewellen haben in Städten eine große Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung, da es in den Nächten weniger abkühlt als auf dem Land und daher zum Beispiel die Belastung für das Herz-Kreislaufsystem sehr hoch ist.

Im Projekt wird unter anderem untersucht, welche Instrumente der Klimaforschung einen direkten Nutzen für die Stadtplanung haben bzw. welche neuen Methoden dafür entwickelt werden können. Anhand zweier Stadtteile in Wien, dem Stadterneuerungsgebiet Innerfavoriten/Kretaviertel im 10. Bezirk und dem Stadterweiterungsgebiet Aspern Seestadt, wird die Umsetzbarkeit und Wirksamkeit der Methoden zur Entwicklung geprüft.

Am Projekt sind unter anderem die Universität für Bodenkultur Wien (Projektleitung), Green4Cities GmbH, die Stadt Wien, das AIT Austrian Institute of Technology und die Zentralanstalt für
Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) beteiligt. Finanziert wird GREEN.RESILIENT.CITY ebenfalls durch das Programm Stadt der Zukunft des BBMVIT.

Weiterführende Links

Innovationen für kühle Stadtoasen des Klimafonds

Grüne und resiliente Stadt -Stadt der Zukunft

Verband für Bauwerksbegrünung

Fassadenbegrünungsleitfaden (pdf)

Urban Heat Islands Strategieplan der Stadt Wien (pdf)

Amtshelfer Fassadenbegrünung, Förderungsantrag

INFObox: Das vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) initiierte Programm Haus der Zukunft strebt an, energierelevante Innovationen im Gebäudebereich einzuleiten bzw. ihre Markteinführung oder -verbreitung zu forcieren. Mit dem Forschungs- und Technologieprogramm Haus der Zukunft Plus sollen neue Spitzentechnologien entwickelt werden. Die industrielle Umsetzung innovativer Technologien soll somit vorangetrieben und in der Folge sichtbare Demonstrationsgebäude bzw. Modellsiedlungen erbaut werden. Als Teil des Projekts Stadt der Zukunft stehen Gebäude und urbane Energiesysteme im Fokus, um das Arbeiten, Leben und Wohnen sowie Verkehr und Produktion in den Städten umweltfreundlicher und energieeffizienter zu gestalten.