Kategorie Verkehr - 5. October 2017

Tunnelblick: Die größten Bahnprojekte

Österreich. Eine Bahnnation: Mit der sogenannten Südstrecke und dem Brenner Basistunnel sind gleich zwei der größten Infrastrukturprojekte der nächsten Jahre im Ausbau des Bahnnetzes zu finden. 270 Kilometer Bahnstrecke werden neu gebaut, über 200 Kilometer modernisiert, 115 Kilometer Tunnel und über 150 Brücken neu errichtet. Ab 2026 sollen Züge in zwei Stunden 40 Minuten von Wien nach Klagenfurt, von Graz nach Klagenfurt in nur noch 45 Minuten, von Innsbruck nach Bozen in nur mehr einer Stunde fahren können.

Sie passieren auf einer Strecke von zusammengerechnet 570 Kilometern nicht nur zwei bedeutende Berge – den Semmering und die Koralpe – sondern unterhalb des Brennerpasses auch ein mächtiges Alpenmassiv. Für Österreich bedeuten diese Projekte neben erheblich reduzierten Reisezeiten im Personenverkehr auch verbesserte Voraussetzungen und neue Kapazitäten für einen umweltfreundlichen Gütertransport auf der Schiene.

Investitionen für die Schiene der Zukunft

Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass im Infrastrukturpaket des bmvit der größte Anteil der Investitionen auf die Bahn zurückfällt. In der aktuellen Finanzierungsperiode 2017-2022 werden insgesamt 16,4 Milliarden Euro in die Eisenbahninfrastruktur der ÖBB sowie der Privatbahnen investiert: Der Brennerbasistunnel mit Gesamtkosten von rund 10 Milliarden Euro, wovon die Hälfte von Österreich getragen wird, die Koralmbahn mit Gesamtkosten von rund 5,5 Milliarden Euro sowie der Semmering-Basistunnel mit Gesamtkosten von rund 3,3 Milliarden Euro sind dabei die größten Projekte.

Für den Ausbau und die Modernisierung der Bahnhöfe auf der Südstrecke stellt das bmvit zusätzliche Mittel in Höhe von 87 Millionen Euro zur Verfügung. Mit dieser Investition sollen vor allem kleinere Bahnhöfe modernisiert und barrierefrei gemacht sowie zahlreiche „Park & Ride“-Anlagen errichtet werden.

Die Koralmbahn über der Drau zwischen St. Kanzian und Althofen, © ÖBB/Visualisierung

Die Südstrecke – schneller in den Süden Österreichs

Der Ausbau der Semmering-Strecke und der Koralmbahn stellen die maßgebenden Projektabschnitte im Rahmen der Südbahn dar. Diese Verbindung bildet den österreichischen Teil der Baltisch-Adriatischen Achse, welche auf 1.700 Kilometern die Ostsee mit dem Mittelmeer und dem oberitalienischen Wirtschaftsraum verbindet. Rund 40 Millionen Menschen leben entlang dieser Achse, welche bedeutende europäische Kultur- und Wirtschaftsräume verknüpft. Die Aufnahme der Südstrecke in diese trans­europäische Verbindung ist gleichbedeutend mit einer Verknüpfung von Binnen-Wirtschaftsräumen und wichtigten Seehäfen.

 

Semmering-Basistunnel: Moderne Schienen auf historischer Strecke

Vom niederösterreichischen Gloggnitz ins steirische Mürzzuschlag, durch das Gebirgsmassiv des Semmering, führt der Semmering-Basistunnel: Er wird exakt 27,3 Kilometer lang sein und aus einem zweiröhrigen Tunnelsystem bestehen, welches bis 2026 fertiggestellt wird. Im Gegensatz zur Bergstrecke der historischen Semmeringbahn können auf der kaum geneigten Strecke des Basistunnels auch schwere Güterzüge mit nur einem Triebfahrzeug fahren. Eines der Nadelöhre auf dem Baltisch-Adriatischen Korridor wird dadurch beseitigt.

Bei der Planung des Semmering-Basistunnels untersuchten Expertinnen und Experten nicht nur Gestein und Wasser der Region, sondern auch die Auswirkungen auf den Siedlungsraum. Aus 13 Varianten wurde die bestgeeignete Trasse ausgewählt, hunderte Maßnahmen, wie Straßenumlegungen und Hochwasserschutz, wurden getroffen.

Der neue Tunnel wird die altehrwürdige Semmeringbahn entlasten. Die 1854 eröffnete und von Carl von Ghega geplante Bahn war die erste normalspurige Gebirgsbahn Europas. Ihre Strecke und Lokomotivbau gelten als Meilensteine der Eisenbahngeschichte. Seit 1998 gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Koralmbahn

Seit 1999 wird in der Steiermark und seit 2001 in Kärnten die Koralmbahn gebaut.  Eine neue Bahnstrecke von 130 Kilometern, die sowohl Südkärnten als auch die Weststeiermark näher an die Landeshauptstädte Graz und Klagenfurt heranrücken lässt. Mit der Inbetriebnahme 2024 braucht man für die Zugfahrt von Graz nach Klagenfurt statt zwei Stunden Busreise nur mehr 45 Minuten. Auf der gesamten Koralmbahn sind in Zukunft Reisegeschwindigkeiten bis zu 230 km/h möglich.

 

Auf einem Viertel der Strecke werden die Züge durch Tunnel fahren. Der längste wird mit 32,9 Kilometern der Koralmtunnel sein. Er ist dann der sechslängste Eisenbahntunnel der Welt und verknüpft die Steiermark mit Kärnten. In einer maximalen Tiefe von 1,2 Kilometern durchstoßen zwei parallel laufende Tunnelröhren, die je zehn Meter Außendurchmesser haben, die Koralpe. 23 neue und modernisierte Bahnhöfe und Stationen entlang der Linie stehen für den regionalen Nutzen der Koralmbahn. Um das Umland zu erschließen, wurden zudem auf Kärntner Seite zwei weitere Linien modernisiert: die Lavanttalbahn und die sogenannte Bleiburger Schleife.

© BBT SE

Weltrekorde im Tunnelbau: Superlativ Brenner Basistunnel

Der Brenner Basistunnel (BBT) ist ein Bauwerk der Superlative, welches jetzt bereits Halbzeit feiert. Er ist ein flach ver­laufender Eisenbahntunnel zwischen Innsbruck und Franzensfeste in Italien. Inklusive der bereits bestehenden Umfahrung von Innsbruck wird der BBT zur geplanten Eröffnung 2026 mit 64 Kilometern der längste Tunnel der Welt sein und den Gotthard-Tunnel in der Schweiz um sieben Kilometer übertreffen. Die Gesamtlänge der beiden Hauptröhren, des Erkundungsstollens, der Verbindungs- und Zufahrtswege beträgt 230 Kilometer. Ebenfalls ein Weltrekord.

 

Hintergrund

Vor zehn Jahren begann alles mit dem Ausbrechen eines Erkundungsstollens, in etwa zehn Jahren soll das Mega-Vorhaben endlich den Personen- und vor allem den europäischen Güterverkehr auf der Schiene beflügeln. Der Grund: Nach ersten Schätzungen werden sich 2017 rund 2,2 Millionen Lastwagen über den 1370 Meter hohen Brennerpass bewegen. Immer wieder bildet sich zwischen Italien und Österreich lange Lkw-Staus. Der Brenner trägt mit 40 Prozent die Hauptlast im Frachtverkehr über die Alpen.

Für Zugreisende wird der Tunnel die Fahrt gen Süden attraktiver denn je machen. Die Fahrzeit zwischen Innsbruck und Franzensfeste in Südtirol verringert sich von 90 auf 25 Minuten. Wer von München nach Verona will, wird bei vollem Ausbau des gesamten Korridors nur noch vier statt sieben Stunden brauchen.

Durch den Bau des Brenner Basistunnels werden im Herzen Europas die Reise- und Transportmöglichkeiten mit der Bahn markant verbessert. Das Projekt ist Teil des Skandinavien-Mittelmeer-Korridors – dem längsten, der transeuropäischen Kernnetzkorridore, an dem zwischen Helsinki und Valletta rund 110 Millionen Menschen leben. Mit der Projektumsetzung ist die Brenner Basistunnel SE beauftragt. Die BBT SE ist eine europäische Aktiengesellschaft und arbeitet im Auftrag der Republik Österreich, der Republik Italien und der Europäischen Union.

INFObox: Der ÖBB-Rahmenplan lässt neben dem Ausbau der Südstrecke und dem Bau des Brenner-Basistunnels Investitionsmittel des Infrastrukturministeriums auch in den Ausbau des Bestandsnetzes fließen. Durch die Modernisierung von Bahnhöfen, die Errichtung von Park&Ride-Anlagen sowie die Verbesserungen beim Handy- und WLAN-Empfang wird die Qualität des Bahnangebots weiter verbessert.