Kategorie Verkehr - 17. September 2015

So sieht der Verkehr auf dem Land in Zukunft aus

Petra Pendlerin ist nicht real und existiert dennoch tausendfach. Sie wohnt in Rauchenwarth im nördlichen Wiener Becken und arbeitet in Wien. Derzeit hat sie zwar zu den Stoßzeiten etwa stündlich eine gute Busverbindung zur U-Bahn nach Simmering, der letzte Bus zurück nach Rauchenwarth fährt aber bereits um 18:10 Uhr. Sie fährt daher oft mit dem Auto in die Arbeit, weil sie sich die Möglichkeit offen halten will, abends in Wien noch etwas zu unternehmen.

So beschreibt Harald Buschbacher vom ÖBB Personenverkehr die derzeitige Problematik mit Verkehrsanbindungen in ländlichen Regionen anhand des Beispiels Rauchenwarth. Während der öffentliche Verkehr in Großstädten die Menschen im Intervall von wenigen Minuten von A nach B bringt, ist im ländlichen Raum das Auto Verkehrsmittel Nummer eins. Das liegt vor allem daran, dass der öffentliche Verkehr am Land wenig ausgelastet ist, seine Finanzierung oft nicht mehr rechtfertigen kann und daher nach und nach eingestellt wird. Am Ende gibt es kaum mehr als SchülerInnenverkehr und einzelne PendlerInnen-Verbindungen. Das Auto als Hauptverkehrsmittel belastet nicht nur die Umwelt und ist wenig ökonomisch, sondern schließt auch Menschen ohne Pkw vom Alltagsleben, von Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten aus.

„Mit dieser Problematik haben wir uns im Projekt „SynArea“ auseinandergesetzt“, erzählt Projektleiter Harald Buschbacher. In diesem Sondierungsprojekt testeten die ÖBB und Partner anhand zweier Beispielregionen – dem nördlichen Wiener Becken und dem Mittelburgenland – die Machbarkeit eines neuartigen Mobilitätsangebots.

Das Wiener Becken mit Grundangebot bzw. mit zusätzlichen Fahrten zu Stoßzeiten und die 368 Standorte für SynArea-Leihstationen. © BEV / ÖBB

„Wir suchten nach Möglichkeiten, den öffentlichen Verkehr an die Gegebenheiten in ländlichen Regionen anzupassen. Flexibler sollte er sein, flächendeckend und multimodal – also unterschiedliche Verkehrsmittel miteinbeziehen und aufeinander abstimmen. Das Zusammenspiel mehrerer Arten von Verkehrsmitteln ist wirtschaftlicher und attraktiver. Das Ziel ist es, Alternativen zum Autofahren anzubieten, die umweltschonend sind und wenig Energie verbrauchen“, sagt Buschbacher.

Die Idee

Der planmäßige öffentliche Verkehr wird auf Hauptlinien reduziert – dort dafür mit dichten Takten und guten Anschlüssen. Für die flächendeckende Erschließung des ländlichen Siedlungsraums stehen Elektroleichtfahrzeuge zum Ausleihen und Anrufsammeltaxis zur Verfügung. Für diesen Zweck entwickelten die Projektpartner optimierte Leihfahrzeuge:

SynArea Fahrzeug. Für die Sammeltaxis werden die einzelnen Elektroautos wie Zugwaggons aneinander festgemacht. © AMSD

SynArea Fahrzeug. Für die Sammeltaxis werden die einzelnen Elektroautos wie Zugwaggons aneinandergekoppelt. © AMSD

Ähnlich wie z.B. bei Citybike Wien müssen die Nutzerinnen und Nutzer Fahrzeuge zwar an Leihstationen ausleihen, können diese aber auch an einer anderen Station wieder abgeben. „Wir haben großen Wert auf eine möglichst einfache Ausleihmethode gelegt: Zum Öffnen des Fahrzeugs reicht eine Bankomat- bzw. Kreditkarte oder auch die e-card. Die erste Fahrt kann auch erst im Nachhinein bezahlt werden. Im Fahrzeug gibt es ein Navigations- und Informationsgerät mit Touchscreen, über das man sich bei der ersten Fahrt registrieren kann und bei jeder Fahrt das Fahrtziel eingibt. Dadurch kann das System besser vorhersagen, wann und wo sich ein Mangel oder Überschuss an Fahrzeugen ergibt. Außerdem kann die Nutzerin bzw. der Nutzer aktuelle Fahrplaninformationen zu den nächsten Zugverbindungen erhalten“, erklärt Buschbacher, wie das Ausleihen der Fahrzeuge und die Technologie dahinter funktionieren.

Für die Sammeltaxis werden die gleichen Fahrzeuge verwendet. Sind es mehrere Fahrgäste, werden die einzelnen Autos wie Zugwaggons aneinander festgemacht. Die Leihstellen sind zugleich die Haltestellen des Sammeltaxis. Bis rund eine Stunde vor geplanter Abfahrt können sich die Nutzerinnen und Nutzer für die Mitfahrt anmelden. Die Taxis fahren nicht auf fahrplanmäßig genau vorgegebenen Routen, sondern versuchen, die jeweiligen Fahrtwünsche optimal zu kombinieren.

Nicht jedes Verkehrskonzept eignet sich für jede Region. Menschen in Städten brauchen andere Verkehrslösungen als Menschen auf dem Land – das Projekt SynArea wird diesen Ansprüchen gerecht und gewann dafür den diesjährigen VCÖ Mobilitätspreis in der Kategorie Forschungsprojekte. Die Ergebnisse des Projekts zeigen sehr gut, welche Potenziale durch Forschung und Entwicklung (F&E) hinsichtlich neuer Lösungsansätze zur flächendeckenden Verkehrsanbindung möglich sind.

Zurück nach Rauchenwarth im nördlichen Wiener Becken, wo der Verkehr in Zukunft so aussehen könnte: Nach der Umsetzung von SynArea bleibt die Fahrzeit zu den Stoßzeiten gleich, der Bus fährt nun exakt im Stundentakt als Zubringer zum REX-Zug nach Gramatneusiedl. Bleibt Petra länger in Wien, fährt sie mit dem REX-Zug nach Gramatneusiedl und leiht sich eines der dort am Bahnhof bereitstehenden SynArea-Leihfahrzeuge aus, mit dem sie bis zur Leihstation bei der Bushaltestelle in Rauchenwarth fährt. Zum Aufsperren und Ausleihen des Fahrzeugs steckt sie ihre Bankomatkarte in einen Kartenleser, die Fahrt mit dem Leihfahrzeug ist bereits in ihrer Jahreskarte inkludiert.

INFObox: Das im März 2015 abgeschlossene Sondierungsprojekt „SynArea“ wurde vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit) im Rahmen des Forschungsprogramms „Mobilität der Zukunft“ gefördert und von der ÖBB-PV AG gemeinsam mit den Projektpartnern AMSD KG, Spirit Design, TU Graz und komobile w7 Gmbh durchgeführt. SynArea erhielt den VCÖ Mobilitätspreis 2015.