Kategorie Verkehr - 2. December 2015

Die Tunnel-Verwaltungsbehörde packt aus

Im Bosrucktunnel senkte sich die Decke, im Kaisermühlen-Tunnel ging der Brandmelder an. Nachrichten wie diese verunsichern viele Menschen. Vor allem jene, die ohnehin nicht gerne durch Tunnel fahren. Ein Grund mehr, sich mit den Sicherheitsbestimmungen und Kontrollen in Österreichs Tunnel-Anlagen genauer zu beschäftigen. Wir haben mit Sonja Wiesholzer, der Leiterin der Tunnel-Verwaltungsbehörde im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit), über Tunnelsicherheit, den Tunnel der Zukunft und Feen und Trolle gesprochen.

Was passiert nach Vorfällen wie jenem im Bosrucktunnel?

Für jeden Tunnel werden sogenannte Tunnel-Betriebsanweisungen, Wartungs- und Instandhaltungspläne sowie Alarm- und Einsatzpläne von der ASFiNAG gemeinsam mit Feuerwehr, Rettung und Polizei erstellt und von uns genehmigt. In diesen Dokumenten wird eine Alarmkette für verschiedene Ereignisse wie Unfälle, Brände, aber auch Schäden an Bauwerken vorgeben. Nach so einem Vorfall wie im Bosrucktunnel sind wir als Tunnel-Verwaltungsbehörde beim Ort des Geschehens und suchen gemeinsam mit der ASFiNAG und den Einsatzdiensten nach der Ursache, Sicherheitslücken und natürlich nach Möglichkeiten, diese zu beheben.

Was sind die Aufgaben der Tunnel-Verwaltungsbehörde?

Wir werden nicht erst aktiv, wenn etwas passiert ist, sondern sorgen dafür, dass die Sicherheitsbestimmungen von Anfang an eingehalten werden. Unser Straßentunnelteam im bmvit besteht – für die Technikerbranche ungewöhnlich – aus einem Mann und drei Frauen, die für alle Bereiche vom Tunnelbau bis zu den Betriebs- und Sicherheitseinrichtungen zuständig sind. Baugenehmigungen für Neubautunnel und Sanierungsgenehmigungen gehen über unseren Schreibtisch. Und nach dem Bau oder der Sanierung kümmern wir uns auch um die Genehmigung zur Inbetriebnahme. Wie jetzt an der S10 oder dem S36-Tunnel St. Georgen bzw. dem A10-Tunnel Zederhaus.

Was muss vorher alles geprüft werden bevor ein neuer Tunnel eröffnet wird?

Der Zeitraum für die behördliche Inbetriebnahme eines Tunnels beträgt in Österreich im Schnitt rund drei Monate. Das ist international gesehen eine Spitzenleistung. Der Ablauf ist genau vorgegeben: Zu Beginn werden die Unterlagen studiert und dann untersuchen wir die Tunnelanlage: Funktionstests aller Betriebs- und Sicherheitseinrichtungen, Integrative Tests (z.B. automatische Branderkennung und Auslösung der Verkehrs- und Lüftungssteuerungsprogramme), Besichtigung und Überprüfung des Tunnels sowie Brandversuche und Übung gemeinsam mit den Einsatzdiensten. Bevor der Bescheid erstellt wird, wir also grünes Licht geben, werden alle Mängel behoben.

 

Die Tunnel-Verwaltungsbehörde betreut auch Forschungsvorhaben. Wie wird der Tunnel der Zukunft aussehen?

Im Rahmen der Verkehrsinfrastrukturforschung (VIF) haben wir gemeinsam mit der ÖBB Infra und der ASFiNAG bereits verschiedenste Themenfelder im Bereich Tunnel abgedeckt. In der diesjährigen Ausschreibung geht es beispielsweise um die optimale Absicherung von Tunnelnischen. Ich selbst träume davon, dass selbstfahrende Autos durch unsere Tunnel gleiten und keine Unfälle aus Unachtsamkeit mehr passieren. Das Sicherheitsniveau von Tunnel-Anlagen ist in Österreich sehr hoch und zumeist ist das richtige Verhalten der Tunnel-NutzerInnen das Entscheidende. Deshalb setzen wir gemeinsam mit der ASFiNAG auf Tunnel-Sicherheitskampagnen wie zuletzt „Augen auf in Tunneln“.

In Island wird ein Tunnel nicht gebaut, wenn im betroffenen Berg Elfen oder Trolle vermutet werden. Was verhindert in Österreich ein Tunnelprojekt?

Wir hatten die Thematik von Elfen und Trollen auch schon bei einem UVP-Verfahren im Südburgenland. Als Behörde ist es unsere Verpflichtung, dass wir mit derartigen Stellungnahmen der Beteiligten verantwortungsvoll und dem Stand der Wissenschaft entsprechend umgehen. Straßentunnelprojekte wurden in Österreich aber in erster Linie aufgrund von schwierigen hydrogeologischen Randbedingungen und aufgrund von Finanzierungsproblemen verhindert oder verzögert. Tunnel sind ja die teuersten Anlagen im Straßenbau.

Viele Menschen sind sehr ungern in Tunnel. Was war das „Gruseligste“, das Ihnen je in einem Tunnel begegnet passiert ist?

Das „Gruseligste“, das mir in einem Tunnel passiert ist, war ein missglückter Brandversuch im Rahmen der Inbetriebnahme des Tunnels Lainberg im Jahr 2008, wo aufgrund einer Fehlsteuerung der Lüftungsanlage der gesamte Tunnelquerschnitt verraucht wurde und ich mich gerade noch, bevor die Feuerwehr mich zu suchen begann, an das Tunnelportal retten konnte. Aber deshalb machen wir diese Brandversuche, damit sowas bei einem realen Brand im Tunnel nicht vorkommt.

 

INFObox: Die Basis der Aufgaben der Tunnel-Verwaltungsbehörde bildet das Straßentunnel-Sicherheitsgesetz (STSG). Unter dieses Gesetz fallen alle Tunnel an Autobahnen und Schnellstraßen mit Längen über 500 Meter. Derzeit sind 81 STSG-Tunnel mit in Summe 326 Kilometer Röhrenlänge in Betrieb. Nach der Eröffnung der neuen Tunnel an der S10, A10 und S36 werden es 85 Tunnel mit in Summe 339 Kilometer Röhrenlänge sein. Die Tunnel-Verwaltungsbehörde ist auch für Kontrollen der bestehenden Tunnelanlagen verantwortlich. Seit 2006 haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund 250 Inspektionen durchgeführt.