Kategorie Verkehr - 9. Mai 2019

Unfallzahlen: Verkehrstote auf historischem Tiefstand

Sinkende Zahlen, Zweiradsicherheit im Fokus

Derzeit läuft die fünfte UN Global Road Safety Week (6. – 12. Mai 2019), die sich zum Ziel gesetzt hat, weltweit die Straßenverkehrssicherheit in Ländern und Gemeinden voranzutreiben und eine damit verbundene nachhaltige Entwicklung sowie ein Bewusstsein für die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden zu schaffen. Aber wie sieht es dazu in Österreich aus?

Entgegen einem weltweiten Negativtrend bei der Unfallstatistik gibt es positive Nachrichten in diesem Bereich von Österreichs Straßen. Auf diesen hat es im Jahr 2018 weniger Verkehrsunfälle, Verletzte und Getötete gegeben. Laut Statistik Austria wurden bei 36.856 Unfällen 46.525 Personen verletzt und 409 getötet. Die Zahl der Toten sank somit um 1,2 Prozent gegenüber 2017. Damit wurde das bisher geringste Ergebnis seit Einführung der Unfallstatistik im Jahr 1961 erreicht.

Schwerpunkt Zweiräder

Soweit so gut und ein Schritt in die richtige Richtung. Die Zahlen offenbaren aber auch einem erheblichen Makel: Gegenüber 2017 erhöhte sich die Zahl der Motorradtoten (102 Tote) um 19 Personen. Damit war 2018 jeder vierte Verkehrstote ein Motorradfahrer. Den traurigen Höhepunkt gab es im April, der laut Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) der wärmste seit dem Jahr 1800 war. 13 Motorradlenker wurden im April 2018 getötet, ebenso viele im September. Bei 43 Prozent der Unfälle handelte es sich um einen Alleinunfall, bei einem Viertel um Frontal- oder Streifkollisionen.

Eine Steigerung mit fast zehn Prozent gab es auch bei Verletzten mit dem Fahrrad: 8.173 Personen verzeichnete die Statistik im Vorjahr. 41 Radfahrer starben. 2018 wurde erstmals auch die Antriebsart von Fahrzeugen erhoben. Dabei zeigte sich, dass von den verunglückten Radfahrern ab dem 65. Lebensjahr (1.745) jeder Vierte (406) mit dem Elektrofahrrad verunglückte, im Durchschnitt waren es 13 Prozent.

© apa

Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) nimmt nicht nur diese Zahlen zum Anlass, eine neuaufgelegte Zweiradkampagne zu starten, um zum einen das Bewusstsein für notwendige Motorrad- und Fahrradsicherheit auf den Straßen zu schärfen, und zum anderen, um den neuen Fortbewegungsmitteln auf zwei Rädern gerecht zu werden.

Der genaue Blick auf die Statistik der Unfälle nach Verkehrsart spiegelt das aktuelle Bild der Großstädte wider: Es scheint nur so von Elektro-Scootern sowie anderen neuen Spiel- und Sportgeräten zu wimmeln. In vielen der Teilen der Welt grassiert ein regelrechter E-Scooter-Boom, der gehörig polarisiert. Unternehmen stoßen mit den Scootern derzeit auf den Markt und in viele Städten auch auf großes Interesse, sorgen aber auch für reichlich Kritik und zwingen die Gesetzgeber zum Handeln.

Das vermehrte Aufkommen hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Unfallstatistik, die für (Elektro-)Fahrrad, Elektro-Scooter (+9,1%) sowie Spiel- und Sportgeräte (+29,2%) signifikante Anstiege ausweist. „Mit den Änderungen in der letzten Novelle der Straßenverkehrsordnung, wo Elektro-Scooter mit Fahrrädern gleichgestellt wurden, erhoffe ich mir einen Rückgang bei den Unfällen und ein besser geregeltes Miteinander zwischen Fußgängern, Radfahrern und E-Scooter-Fahrern“, zeigt sich Verkehrsminister Norbert Hofer zuversichtlich.

Fahrsimulations-Training für Motorradsicherheit

Besonders zu Saisonbeginn werden Motorradfahrerinnen und -fahrer oft gar nicht oder zu spät wahrgenommen. Autofahrerinnen und Autofahrer müssten sich dann erst wieder an die Begegnung mit Motorrädern und deren eher saisonales Auftreten gewöhnen. Wie funktioniert gerade im Frühjahr ein umsichtiges Fahren?

In Graz reagieren Wissenschaftler nun auf die vielen Motorradunfälle und liefern ein speziell entwickeltes Fahrsimulations-Training zur Sensibilisierung von Fahrschülern, welches das Kollisionsrisiko zwischen Pkw und Motorrad mindern könnte. Laut Unfallforschern sind in mehr als der Hälfte der Fälle weitere Fahrzeuge beteiligt und der Hauptgrund ist, dass der Biker von Pkw-Fahrern zu spät bemerkt wurde. Eine spezielle Fahrsimulator-gestützte Ausbildung angehender Autofahrerinnen und -fahrer könnte diese Unfälle reduzieren, geht aus einer Studie an der TU Graz hervor.

Ablenkung, Drogen & Abbiegeassitenten

Das BMVIT werde auch weiterhin Maßnahmen und Kampagnen setzen, um die Sicherheit auf Österreichs Straßen zu verbessern. Die Hauptunfallursachen bleiben Ablenkung und nicht angepasste Geschwindigkeit. Speziell im Bereich der Autobahnen und Schnellstraßen war die Entwicklung im Vorjahr überaus positiv: Die Zahl der Unfälle sank um 4,1 Prozent, die Zahl der dabei Verletzten um 1,3 Prozent, die Zahl der Getöteten gleich um 44 Prozent im Vergleich zum Jahr 2017.

Die erfolgreichen Kampagne der ASFINAG gegen die Ablenkung am Steuer lieferte dazu ebenfalls gute Nachrichten im Bereich Verkehrssicherheit und sorgte für ein wichtiges Signal , dass bewusstseinsbildende Maßnahmen im Straßenverkehr Wirkung zeigen. Kampagnen wie Hallo Leben – Ablenkung kann tödlich sein können Gefahren im Straßenverkehr bewusster machen und das Fahrverhalten nachhaltig positiv ändern. Und das hat diese Kampagne auch erreicht, wie eine Wirkungsmessung des Meinungsforschungsinstitut IFES im Auftrag der ASFINAG nach Abschluss der Kampagne zeigte.

Eine Kampagne des BMVIT gegen Drogen am Steuer geht ebenfalls diesen Weg und soll mehr Bewusstsein für diese Problematik schaffen. Fahrten unter Drogeneinfluss sind nach wie vor eine immense Gefahr im Straßenverkehr. Wissenschaftliche Unterstützung erhält das BMVIT dafür vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV). Darüber hinaus sollen verbesserte Schulungen der Exekutive in der Drogenerkennung sowie der optimierte Einsatz von Drogenvortestgeräten dazu beitragen, Verkehrsunfälle auf Österreichs Straßen zu reduzieren.

Automatisierte Mobilität für mehr Verkehrssicherheit

Auch neue Formen der Mobilität haben Einfluss auf die Verkehrssicherheit, auf Car-Sharing Systeme, auf die Wirtschaft oder auch auf die Reduktion der Kraftfahrzeuge. Die Auswirkungen können aber vielfach noch nicht im Detail abgeschätzt werden.

© VIRTUAL VEHICLE

Konsens herrschte jedenfalls darüber, dass die sich durch automatisiertes Fahren ergebenden Chancen für die Verkehrssicherheit unbedingt genutzt werden sollten. Denn derzeit sind mehr als 90 Prozent der Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Zunehmende Vernetzung und neue Möglichkeiten durch der Digitalisierung können so ebenfalls dabei helfen, die Sicherheit auf den Straßen maßgeblich zu erhöhen.

Abermals gab es auch zu den Abbiegeassistenten Neuigkeiten zu berichten: Ein vom ÖAMTC durchgeführter Test nachrüstbarer Lkw-Abbiegeassistenten hat ergeben, dass alle vier überprüften Systeme ungeschützte Verkehrsteilnehmer erkennen und einen Unfall verhindern können. Nicht jeder Assistent arbeite in jedem Szenario gleich zuverlässig, aber alle vier Systeme erfüllen die Voraussetzungen, um eine Nachrüstungs-Förderung zu erhalten.

Erfreut über das Ergebnis des ÖAMTC-Tests von vier Lkw-Abbiegeassistenten zeigte sich Verkehrsminister Norbert Hofer: „Es ist mehr als positiv, dass es nun zumindest von bestimmten Herstellern funktionierende Abbiegeassistenzsysteme für Nachrüstungen gibt.“

Das BMVIT hat sich dieser heiklen Materie bereits 2017 angenommen und testet Abbiegeassistenten an Lkw und Bussen in einem Pilotversuch in Zusammenarbeit mit dem Institut für Fahrzeugsicherheit (VSI) der TU Graz.

Die EU sieht die verpflichtende Serienausstattung mit Abbiegeassistenten spätestens ab 2022 in allen neuen Fahrzeugtypen und ab 2024 in allen Neufahrzeugen vor. Einer freiwilligen Serienausstattung, die bereits heuer beginnen könne, stehe laut ÖAMTC aber nichts im Weg. „Eine Typisierung von Lkw mit neuen Abbiegeassistenten sollte nach jetzigem Kenntnisstand ab Oktober 2019 möglich sein. Bis dahin werden voraussichtlich die genauen Spezifikationen stehen, die die Systeme ab 2022 erfüllen müssen“, sagte ÖAMTC-Direktor Oliver Schmerold.

© Daimler

Was eine Nachrüstung des Fahrzeugbestandes betrifft, sei die entsprechende Förderung von Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) bereits zugesagt, jetzt gehe es darum, die Regeln festzulegen, wie die Frächter und Busunternehmen dazu kommen. Die Kosten liegen bei den getesteten Nachrüstsystemen etwa zwischen 800 und 2.500 Euro, dazu kommen die Kosten für den Einbau. „Aus unserer Sicht könnte man sich dabei im Wesentlichen an der Förderrichtlinie des deutschen Verkehrsministeriums orientieren. Dann liegt es in der Eigenverantwortung der Transport-Unternehmen“, so Schmerold. Rein technisch stehe einer Nachrüstung der Lkw- und Busflotten in Österreich nichts mehr im Wege.

„Der Weg der EU, die Verpflichtung im Rahmen der Typisierung bereits ein Jahr früher als ursprünglich geplant einzuführen, wird von mir unterstützt“, so Hofer. In der 32. Novelle der Straßenverkehrsordnung werde für Gemeinden die Möglichkeit geschaffen, Rechtsabbiegeverbote für Lkw ohne Abbiegeassistenten zu verordnen. Es müsse „alles getan werden, um die Verkehrssicherheit auf Österreichs Straßen weiter zu erhöhen und die gestiegene Zuverlässigkeit der Assistenzsysteme zu nutzen“, so Hofer. „Im Verkehrsministerium (BMVIT) werden zur Stunde Förderrichtlinien ausgearbeitet, um eine freiwillige Nachrüstung unbürokratisch zu unterstützen.“

Besonders in Städten gibt es eine Häufung solcher Unfälle, vor allem bei Abbiegemanövern, wenn Menschen zu Fuß oder auf zwei Rädern dem Schwerkraftverkehr trotz Vorrangs gefährlich in die Quere kommen. Auch Kinder gehören dabei zu den Opfern.

Generell ist bei Unfällen, in die Kinder von 0 bis 14 Jahren involviert sind, seit 2015 ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen (+ 9,8 Prozent). Auch 2018 stiegen die Zahlen bei Unfällen und verletzten Kindern leicht an – bei den Getöteten gab es allerdings eine Trendumkehr: Drei Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren kamen 2018 im Straßenverkehr ums Leben, davon alle drei als Pkw-Insassen. Der geringste Wert seit 10 Jahren. Kein Kind im Alter von 6 bis 15 Jahren kam 2018 bei einem Schulwegunfall ums Leben.

Die bisher niedrigste Zahl an Todesopfern gab es bei Fußgängern, zwischen Juli und September wurde ein Rückgang um zwei Drittel verzeichnet. 47 Fußgänger wurden 2018 getötet, das waren 26 weniger als 2017.

INFObox: Das Verkehrssicherheitsprogramm 2020 des BMVIT umfasst über 250 Einzelmaßnahmen für 17 Handlungsfelder und gliedert sich in infrastrukturelle sowie bewusstseinsbildende Maßnahmen im Rahmen ausgewählter Interventionsbereiche. Langfristiges Ziel ist es, tödliche und schwere Verletzungen im Straßenverkehr signifikant und nachhaltig zu senken.