Kategorie Innovation & Technologie - 10. Oktober 2019

Unterwegs mit den Donauvermessern

„Drei Talfahrten, eine Bergfahrt. Ganz schön viel Betrieb heute“, kommentiert Martin Reischl. Er ist nicht etwa Liftwart, sondern Schiffsführer auf der Alpha. Die Aufgabe des Viadonau-Bootes ist, der Donau ganz genau auf den Grund zu gehen, genauer gesagt: ihr Flussbett zu vermessen. Das ganze Jahr über ist die Alpha stromauf- und stromabwärts, oder eben bergwärts und talwärts im Seemannsjargon, zwischen Passau und Bratislava unterwegs.

Systematisch wird so die Sohle kartiert – die so wie der Fluss selbst ständig in Bewegung ist. Gerade ist der breite Abschnitt östlich des Kraftwerks Freudenau in Wien stark frequentiert: Ein Frachtschiff und zwei Kreuzfahrtschiffe schippern vorbei, ein Twin-City-Liner nähert sich rasant.

Das Vermessungsboot Alpha mit zwei Multibeam-Echoloten am Bug. Werden sie ins Wasser gelassen, tasten sie die Sohle ab, um Eintiefungen, seichte Stellen und Hindernisse aufzuspüren. © viadonau

Schon schwankt das kompakte Vermessungsschiff zwischen den kräftigen Wellen, die ein flott vorbeirauschender Donaukreuzer hinterlassen hat. Vermessungstechniker Werner Loibl, der hinter dem Schiffsführer vor zwei Computerbildschirmen sitzt, stoppt das Fächerecholot, das mit Millimetergenauigkeit die Sohle scannt – nur zur Sicherheit, wie er sagt: „Ein Sensor registriert jede Bewegung und gleicht die Messdaten selbst bei hohen Wellen sofort aus.“ Doch die beste Datenqualität ist bei ruhigeren Verhältnissen zu erwarten.

Die heutige Vermessungspartie besteht aus Loibl, Reischl und zwei Kollegen, die sich am Ufer um die GPS-Referenzpunkte kümmern und mit Messstangen den Wasserpegel bestimmen, um ihn mit den Schiffsdaten zu vergleichen. Die Mission: im Auftrag des Stromkonzerns Verbund die Wassertiefen zwischen Donaukilometer 1917,4 und 1920 zu messen, knapp unterhalb des Kraftwerks Freudenau.

Hin- und Hergeschiebe

Der Verbund möchte wissen, wo es Platz für „Geschiebe“, also Gestein, Schotter und Kies gibt, um etwaige Lücken am Donaugrund zu füllen. Regelmäßig baggert der Verbund Schotterbänke bei Krems ab, um das Gestein dann hinter dem Kraftwerk Freudenau abzuladen. Denn zwischen Wien und Hainburg tieft sich die Donau aufgrund von Uferbegradigungen und der Kraftwerke seit Jahrzehnten unermüdlich ein: Der Strom spült Material laufend flussabwärts, von oben kommt kraftwerksbedingt nichts nach. Ein altbekanntes Problem, das in der Vergangenheit zu einigen Zerwürfnissen mit Umweltschützern geführt hat.

 

Nun wird gegengesteuert mit Renaturierungsmaßnahmen und aufwendigen „Geschiebezugaben“. Andernfalls drohen gravierende Folgen: Unter anderem würden die Donauauen aufgrund des immer niedrigeren Grundwasserspiegels weiter austrocknen. Um weitere Lösungen zu finden, die sowohl der Natur als auch der Schifffahrt zuträglich sind, arbeitet die Viadonau eng mit Forschern zusammen, die unter anderem versuchen, den Mechanismen der Sedimentverschiebungen auf die Spur zu kommen. Kein leichtes Unterfangen.

Was sich am Grund der undurchsichtigen, zwischen graublau und schlammgrün wechselnden Donau tatsächlich abspielt, sieht Loibl live auf seinen Bildschirmen. Wie ein Rasenmäher seine Bahnen zieht, fährt auch die Alpha Streifen um Streifen hin und her, immer parallel zum Ufer. Ein Multibeamecholot, das einen Fächer von Schallwellen zur Sohle schickt und deren Echo aufzeichnet, tastet 1000 Punkte pro Quadratmeter ab und liefert damit ein detailliertes 3D-Bild, auf dem die Vermesser praktisch jeden Stein erkennen. Je nach Wassertiefe ist das Bild blau bis rot eingefärbt. „Malen nach Zahlen“ nennt das Loibl.

Schiffswracks, Kriegsgerät, Autos

Das ist nicht immer so kinderleicht und entspannt wie heute. Das Boot tuckert die meiste Zeit ruhig auf regelmäßigen Bahnen unter einem nur leicht bewölkten Himmel dahin, momentan rauschen moderate 1000 Kubikmeter pro Sekunde unter der Alpha hindurch. Tags zuvor war das Team an der Bergung eines mehr als zehn Meter langen Baumstammes beteiligt, den das Echolot detektiert hatte. „Bei starker Strömung, zwei Meter neben dem Bergungsschiff den Bagger lotsen, das ist nicht ohne“, sagt Loibl.

Orten die Vermesser ein Objekt oder seichte Stellen in der Fahrrinne, muss gehandelt werden. Schließlich ist die Viadonau, ein Unternehmen des Verkehrsministeriums, dafür verantwortlich, eine Wassertiefe von 2,5 Metern bei Niedrigwasser zu ermöglichen. Das ist vor allem für die ohnehin rückgängige Güterschifffahrt wichtig, die das Ladegewicht den Wasserständen anpassen muss.

 

Dabei gehören Bäume zu den weniger spektakulären Funden. Mehrere Schiffswracks, darunter ein 50 Meter langes Kriegsschiff, sind den Vermessern in den letzten Jahren untergekommen. Auch ein Traktor, ein fünf Tonnen schwerer Dampfkessel, ein Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg und viele versenkte Auto – auch schon einmal samt Insasse – wurden schon aufgespürt und geborgen.

Im Schnitt eine halbe Million Quadratmeter Donaugrund können die Vermesser pro Tag erfassen, die Daten werden schon am nächsten Tag in die Navigationssysteme eingespeist. Dazu kommen Zusatzmessungen, etwa bei jeder Baggerung und nach Hochwässern, wo es heftige Verschiebungen im Untergrund gibt. „Man kommt aber auch zu den schönsten Plätzen der Donau“, räumt Schiffsführer Martin Reischl ein. Dann und wann stehen auch Fahrten in den Nebenarmen und auf March und Thaya auf dem Programm oder, wie heuer, ein Abstecher zum Altausseer See, der komplett vermessen wurde.

Das Wasser lesen

„Ich würde es nicht in einem Büro aushalten“, gesteht Werner Loibl, der seit 1997 für die Viadonau unterwegs ist, seit 2010 an Bord von Vermessungsbooten. Man lerne nicht nur jede Erhebung im Echolot zu deuten, sondern auch das Wasser zu lesen. „Man sieht schon daran, wie sich die Oberfläche kräuselt, ob was darunter ist.“ Die Donau birgt noch einige Geheimnisse, sind die Vermesser überzeugt – früher oder später gibt sie der Fluss auch frei.

Karin Krichmayr, DerStandard